Sonntag, 1. März 2015

12 Fakten über den Wheely und mich

Seit Monaten versuche ich, einen Post über den Wheely und mich zu schreiben. Leider bin ich beim Schreiben immer wieder ins Stocken geraten und es ging nicht weiter. *grmpf*
Mich hat es selber ziemlich genervt, nicht damit fertig zu werden.
Einmal hatte ich es fast geschafft, aber nachdem ich mir alles nochmal durchgelesen hatte, bemerkte ich, wie ellenlang der Post geworden war. Den hätte niemand jemals zuende gelesen...
Also verwarf ich ihn wieder und plötzlich, eines Nachts im Bad, hatte ich die Idee, es möglichst zusammengefasst und hoffentlich verständlich aufzuschreiben.
Und nu' gehts los...



1. Ich bin seit 2012 auf einen Rollstuhl angewiesen



2. Ich hatte große "Eingewöhnungsschwierigkeiten"
  •  ich wollte mich partout nicht in der Öffentlichkeit im Rollstuhl sehen lassen
  • die allerersten Fahrten im Rollstuhl habe ich nach gutem Zureden von Herrn Frosch in größeren Städten unternommen, wo mich niemand kannte und die Leute viel zu hektisch und beschäftigt sind, um auf eine Frau in einem Rollstuhl zu achten
  • es hat über ein 1/2 Jahr gedauert, bis ich mich hier im Ort im Rollstuhl gezeigt habe

3. Es dauerte über zwei Jahre, bis ich meinen aktuellen, mir angepassten Wheely bekommen habe

  • der erste Rollstuhl, der mir zum Übergang vom Sanitätshaus zur Verfügung gestellt wurde, war viel zu breit (da hätte ich zweimal reingepasst!!) und selbstständiges Rollen war überhaupt nicht möglich
  • der nächste Rollstuhl, der von der Krankenkasse genehmigt und als Aktivrollstuhl (= soll heißen: der Mensch, der drin sitzt, soll sich damit aktiv und selbstständig fortbewegen können!) geführt wurde, war zwar schmaler, aber sowohl die Armlehnen als auch die Rückenlehne waren viel so hoch, so dass ich eine sehr eingeschränkte Armfreiheit hatte, die es mir nicht ermöglichte, mich aktiv und selbstständig fortzubewegen und immer einen "Schieber" brauchte (in dem Fall Herrn Frosch)
  • die Sitztiefe war das nächste Problem, denn die war für meine langen Beine viel zu kurz, so dass ich nach kurzer Sitzzeit ziemliche Schmerzen in den Beinen bekam. Das führte dazu, dass ich in den zwei Jahren mehr Zeit auf der Couch, als im Rollstuhl verbracht habe
  • nach einem endgültigen Wechsel des Sanitätshauses (aufgrund besserer persönlicher Beratung und Betreuung!!!) bekam ich mithilfe eben dieses Sanitätshauses einen neuen, mir angepassten AKTIVROLLSTUHL von der Krankenkasse genehmigt. Zwar musste ich einige Euros aus eigener Tasche dazuzahlen, aber dafür fahre ich jetzt sozusagen eine Nobelkarosse unter den Rollstühlen *gg* ....und das Beste: ich kann ohne Schmerzen länger darin sitzen und mich selbstständig bewegen. :)))

4. Ich hasse es, angestarrt zu werden.
  • -diese "Glubscher" (wie ich sie nenne) machen die dümmsten Gesichter, die man sich nicht ausdenken kann, aber das hab' ich ja HIER schon erwähnt

5. An manchen Tagen ertrage ich es nicht im Wheely zu sitzen


  • denn obwohl ich vom Verstand her weiß, wie nützlich mir der Wheely ist und wieviel Freiheit ich dadurch habe, gibt es diese Tage, an denen ich mich regelrecht "gefesselt" fühle
  • mir fehlt es dann, mich einfach frei bewegen zu können, an die Schränke zu gehen und alles zu erreichen, mir meine Socken alleine anzuziehen und viele andere Dinge (z.T. Kleinigkeiten) ohne Hilfe zu können

6. In der Anfangszeit benötigte ich den Rollstuhl nur um längere Strecken bewältigen zu können
  • zuhause hatte ich einen Rollator, mit dem ich mich noch zu Fuß bewegen konnte

7. Ich bin nur bedingt mit den Luftreifen am Wheely zufrieden

  •  ständig muss man (also Herr Frosch) zur Tankstelle, um sie mit dem Luftprüfer wieder aufzufüllen
  • andererseits sind Luftreifen viel besser als Vollgummireifen, da der Wheely bei unebener Strecke besser gefedert ist

8. Ich bin aufgrund einer Erkrankung auf den Wheely angewiesen


  • vor allem zu diesem Punkt bitte KEINE Kommentare und KEINE mitleidigen Worte !!!!!! (werde ich sofort löschen!)
  • ich möchte und werde aus persönlichen Gründen nicht weiter ins Detail gehen
  • ich gebe diesem "Dilemma" keine Plattform, sich auf und in meinem Blog aufzuspielen
  • es geht auf meinem Blog einzig und allein um Erfahrungen, Erlebnisse rund um und mit dem Wheely und meine Gedanken zu verschiedenen Themen
  • ich danke für euer Verständnis
(Anm.d.Red.:
Meine Geschichte ist eigentlich eine von vielen, nur rede ich nicht darüber.
Ich werde auch nicht ins Detail gehen, denn die Erfahrung hat mir gezeigt, dass es die Menschen nur dazu animiert, über Onkels Karl-Erhardt oder Tante Klaras Neffe (ihr versteht, was ich damit meine) zu berichten, der ja auch das hatte, was ich hab. Oder die Leute "glänzen" in ihrem besserwisserischen Verhalten mit Nicht-Wissen und wollen dich dann noch teilweise belehren, wie du damit umzugehen hast, was du unbedingt zu tun hast und was dich alles noch erwarten wird.

Ehrlich, ich hab keine - absolut keine - Erklärung dafür, warum sich jeder plötzlich zum Experten (also zum ultimativen Experten!!!!) aufspielt. Die Leute haben vielleicht irgendwann einmal etwas darüber gehört o.ä. und nehmen sich daher das Recht raus, ganze Vorträge darüber zu halten und einem mit ihrer ungemeinen Unwissenheit/Dummheit auf die Nerven zu gehen.

Ich kann aus Erfahrung sagen, dass sich kein Fall mit einem anderen vergleichen lässt. Und jeder geht ganz anders damit um.
Ich für meinen Teil schweige mich lieber darüber aus, denn warum sollte ich etwas eine große Bühne zur Schaustellung geben, was ich gar nicht haben wollte?!!

Ich habe aber auch Menschen mit ähnlichen Schicksalen kennengelernt, die ausschließlich darüber reden und sich austauschen wollen. Selbst bei ihnen stoße ich oft auf Unverständnis, dass ich nicht darüber reden will.
Aber wie gesagt, jeder hat seine eigene Art und Weise gefunden, damit umzugehen und meine ist es, nicht damit "hausieren" zu gehen. Wenn ich ehrlich bin, ist es mir auch zu anstrengend, mich immer wieder erklären zu müssen und dieses ewige Jammern liegt mir auch nicht.

Es gab zwischendurch immer mal wieder so Momente, in denen man plötzlich von fremden Menschen darauf angesprochen wurde, warum und wieso. Am Anfang war ich ja selbst noch sehr überfordert und antwortete jedesmal wahrheitsgetreu, was nur dazu führte, mir einen ellenlangen Vortrag von irgendwelchen Hohlköpfen anhören und dabei diese unendlich zahlreichen Mitleidsblicke und Bekundungen ertragen zu müssen.
Das hält man gar nicht aus und ich war hinterher jedesmal ein Häufchen Elend. So haben mich diese Schauermärchen fertiggemacht.

Darum antworte ich heutzutage auf die Frage nach dem Rollstuhl nur kurz und knackig mit: "Weil ichs kann!"
Ja, dieser eine Augenblick, der darauf folgt, ist unbezahlbar. *gg*
Die Klugen bemerken den feinen Sarkasmus und lassen es gut sein, weil sie verstanden haben, dass man nicht darüber reden will. Andere, die das Gespür des sprichwörtlichen Elefanten im Porzellanladen haben, fragen nach kurzem Stutzen: "Einen Unfall gehabt?". Naja, manche Leute sind halt wirklich...... .)


9. In unserer Garage parkt ein heißes Teilchen für mich, das innerhalb von Sekunden von 0 auf 100km/h kommt... - natürlich stimmt das nicht ganz... *lach* (träumen ist ja erlaubt, oder?! *gg*)
  • aber es ist ein Elektro-Rollstuhl, der immerhin stolze 6 km/h erreicht (der totale Wahnsinn - *tränenlach*)
  • der ist super praktisch und angenehm für sehr lange Strecken
  • und man hat immer eine Hand frei zum Händchenhalten....♥ (über die Blicke, die auf Herrn Frosch und mich gerichtet sind, könnte ich theoretisch einen Extra-Post schreiben.... *lach*)

10. Seitdem ich auf einen Rollstuhl angewiesen bin, habe ich erstmal bemerkt, wie viel z.T. unüberwindbare Hindernisse es nicht nur in meinem Umfeld gibt
  • fehlende, nicht funktionstüchtige oder viel zu kleine Aufzüge an Bahnhöfen, in Ärztehäusern, in öffentlichen Gebäuden, usw.
  • Lokalitäten ohne benötigte Toiletten für Menschen mit Handicap
  • zu wenig angepasster Wohnraum
  • modern "abgesenkte" Bordsteinkanten, die für Rollstuhlfahrer ganz und gar nicht abgesenkt sind
  • Gehwege oder Bordsteine die mit rotem Kies aufgefüllt sind
  • Toiletten für geschlechtslose Menschen mit Handicap
  • Drehkreuze in verschiedenen (z.T. älteren) Geschäften
  • zu wenig Toleranz auf Parkplätzen, wo extra gekennzeichnete Parkplätze von Menschen ohne Handicap blockiert werden
- ich könnte noch stundenlang weitere Beispiele aufschreiben, aber ich denke, ihr habt schon bemerkt, dass diese Liste endlos geführt werden könnte.... - leider.


11. Es gibt Freunde im Leben und Freunde fürs Leben...


  • seitdem ich im Wheely sitze, hat sich im Freundeskreis im wahrsten Sinne die Spreu vom Weizen getrennt
  • das Traurige ist daran, das sich auch Freunde von den Jungfröschen und von Herrn Frosch z.T. zurückgezogen haben
  • es gibt aber auch zauberhafte Menschen, die keine Berührungsängste haben und mich als den Menschen sehen, der ich bin und nicht den Wheely (Danke!♥)

12. Das Leben im Wheely hat mich ermutigt, diesen Blog ins Leben zu rufen
  • und dann zu merken, dass es liebe Menschen gibt, die meine Texte lesen, die mit mir lachen, sich freuen oder sich manchmal mit mir aufregen, die sich in manchen Posts wiederfinden, die.... einfach unfassbar liebenswert sind. Das gibt mir so viel.... Kraft, Herzenswärme, postive Bestätigung, Vertrauen, dass es weitergehen wird...♥♥♥
  • ich bin eindeutig zu nah am Wasser gebaut... mir laufen die ganze Zeit Tränen über die Wangen, weil mir gerade bewusst geworden ist, wie sehr ich mit und durch diesen Blog beschenkt worden bin
ICH DANKE EUCH!!!!!




Fotos & Text von v-vabelhaft.blogspot.com

Kommentare:

  1. Weil ichs kann!!
    Für diese Antwort sollte man dir einen Orden verleihen!!
    Es ist schön, dass ich dich und deinen Blog "wiedergefunden" habe. Du öffnest mir den Blick weit, und dafür möchte ich mich bedanken
    Herzlichst
    yase

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  2. Ich stimme Yase zu: Deine Antwort ist genial! Deine Posts sind immer eine Bereicherung für mich! Danke dir dafür!
    Herzlichst Rita

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  3. Liebe Frau Vabelhaft,
    ein tolle Post! Ich finde es klasse, dass du diesen Blog schreibst. Auch wenn du "darüber" nicht schreiben oder reden möchtest, so teilst du dich auf eine andere Art und Weise mit. Dich und deinen Wheely. Ich kann mir vorstellen, daß das sehr gut tut. Und für mich ist es interessant, eine Ahnung zu bekommen. Von deiner Sicht auf die Dinge.
    Tja, das mit den Freundschaften ist so eine Sache. Wirklich traurig... für die anderen... Denn du kannst es!
    Alles Liebe
    Birthe

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  4. Liebe Frau Vabelhaft,
    ich finde es ganz wunderbar, wie DU mit Deinem Schicksal umgehst und auch wenn mich das Schicksal lange nicht so schwer gebeutelt hat wie Dich, kann ich vieles von dem, was Du schreibst zu 100% nachvollziehen.
    Es ist traurig, dass man manchmal erkennen muss, dass "Freunde" dann doch keine sind, aber die die bleiben gehen mit Dir überallhin und Du mit ihnen. Schön zu wissen, dass Du solche Menschen in Deiner Nähe hast!
    Einen ganz tollen Sonntagabend & liebe Grüße
    Vanessa

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  5. Hallo Frau Vabelhaft!!!!
    da du ja öfter auf meinem Blog zunGast bist (was mich mit Stolz erfüllt), dann weißt du ja, ich bin nicht die Frau der großen Worte.
    Also mach ich es kurz: "weiter so, du bist genau richtig".
    GGGGG LLLLLLLL dekofreudige Grüße von Andrea

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  6. Liebe Frau Vabelhaft!
    Ich kann Yase auch nur zustimmen - eine geniale Antwort!!!
    Und mich bereichert dein Blog auch sehr, denn - jedenfalls kann ich das für mich sagen - ich gehe mit "anderen" Augen durch die Welt (hört sich jetzt sehr patetisch an, ist aber eigentlich so), denn ich sehe auf einmal die Probleme, denen Du da draußen leider gegenüberstehst und über die wir sonst nicht nachdenken würden. Vielen Dank dafür!!!
    Ganz liebe Grüße und schreib bitte weiter so!
    Rike

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  7. Liebe Frau Vabelhaft,
    ich kann mir ziemlich gut vorstellen, wie es ist, wenn man auf den Rollstuhl angewiesen ist. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass es anfangs nicht einfach war, dass Du Dich damit in der Öffentlichkeit gezeigt hast.
    Was ich nicht vorstellen kann, dass es Menschen gibt, die Berührungsängste mir Dir und Deinem Rolli haben!
    Was ich auch nicht verstehen kann, dass es Menschen gibt, die glotzen. Unvorstellbar, echt!
    Ich finde es toll, dass Du so stark bist.
    Liebe Grüße und alles Gute wünscht Dir
    ANi

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  8. Guten Morgen!
    Ich finds klasse, dass du mich gefunden hast, so konnte ich dich finden.
    Mir sind grad einfach ein paar Tränen mit dir herunter gerollt, einfach weil ich deine Worte zum Thema Wheely sehr gut finde. Und auch deine Art, mit dem Thema umzugehen. Was ich nicht verstehen kann, wie sich Leute von dir abwenden können. Das ist absolute Schei... Tschuldigung, die Ausdrucksweise, aber es ist doch wahr! Ich freu mich total, mit dir in deine Welt abzutauchen, deine Erfahrungen zu lesen, deine Gedanken dazu und deine Gefühle... ich freu mich auf mehr !
    Und du tauchst vielleicht ab und zu in meine Welt, wir können uns gegenseitig nur bereichern, gelle?
    Ich lass dir ganz viele liebe Grüße da....
    Ulli

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  9. Antworten
    1. Ach ich schreib doch noch was. Ich fand den Post super.
      Ich hatte das Gefühl, dich und deine Denkweise gut kennenzulernen.
      Ich mag es wenn Menschen ihr Herz aufs Tablett legen.
      Mit dem nah am Wasser gebaut sein, geht mir genau so.
      Wenn ich etwas schreibe, was mich sehr bewegt oder mir sehr wichtig ist,
      heule ich auch immer wie ein Schlosshund :-)))
      Danach habe ich dann aber auch das Gefühl, das es wirklich angekommen ist.

      LG Doreen

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  10. Liebe Frau Vabelhaft,
    klasse was Du hier schreibst.
    Bin über den Samtagsplausch hierher gekommen, wenn das Wetter mitmacht springe ich gerne für
    Dich in Blätterhaufen rein und lasse sie rascheln für Dich und freue mich, dass ich es kann!
    Genau vor 11 Jahren hatte ich einen Sturz aus großer Höhe bei dem ich mir das Sprunggelenk gebrochen hatte, ich durfte monatelang das linke Bein nicht belasten und hatte außer Gehhilfen auch einen Rollstuhl.
    herbstiche Grüße
    Judika

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  11. Liebe Frau Vabelhaft,
    ich lese heute shcon den ganzen Tag (mit Unterbrechungen) auf Deinem Blog. Deine Texte sind einfach vabelhaft! Trotz des Ernstes liest sich Alles so wunderbar kurzweilig und ich muss oft schmunzeln. Und du öffnest mir (und hoffentllich so manchem anderen auch) die Augen, wie wir Gehenden mit Euch umgehen. So manchen Anstoß von Dir werde ich mir zu Herzen nehmen, und künftig beachten.
    Ich freue mich schon sehr darauf, immer mal wieder von Dir zu lesen.
    Liebe Grüße
    Frauke von Lüttes Blog

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  12. Die geschlechtsneutralen Toiletten finde ich eher fortschrittlich. Zu Hause oder im Flugzeug juckt es doch auch keinen. Erst im Büro oder am Bahnhof ist das Geschlecht relevant, ob man die lange oder kurze Schlange nehmen darf.

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Danke, dass du dir Zeit für einen Besuch bei mir genommen hast.