Freitag, 24. Juni 2016

Eine Sequenz aus meinem Alltag

Neulich in einem Modeschmuckladen einer bekannten Kette.

Ich: "Guten Tag. Haben Sie Ohrstecker aus Titan? Solche, die man auch als Erstlochstecker nimmt?"

Die Verkäuferin schaut mich kurz mit einem etwas irritierten Blick an und wendet sich an Herrn Frosch.
"Ja, die haben wir hier vorne an der Kasse, wenn Sie da mal schauen möchten."

Ich rolle also, trotz ihrer mir entgegen gebrachten Nichtbeachtung zu dem Aufsteller an der Kasse und ich sehe mir die Stecker in Ruhe an.

Nach kurzer Zeit fragt die Verkäuferin Herrn Frosch, der etwas abseits steht, ob etwas passendes dabei wäre.

Herr Frosch völlig desinteressiert: "Das weiß ich nicht. Damit kenne ich mich nicht aus."

Behilflich, wie die Dame sein will, fängt sie an ihm zu erklären, dass die Stecker nur beim Ohrloch- "Schießen" genutzt werden.

Herr Frosch schnaubt leicht genervt und wendet sich ein wenig von der Verkäuferin ab und schaut sich im Laden um.

Die Dame stutzt über sein Verhalten und plötzlich steht sie neben mir und will mir meine Haare vor dem Ohr wegschieben.

Ich reagiere sofort und wehre ihre Hände von meinem Kopf ab und sage laut und deutlich :
"Ich habe Ohrlöcher! Ich suche einfach nur die Stecker!"

Als hätte ich sonst was an mir, springt sie zurück und sagt zu Herrn Frosch: "Normalerweise schießen wir sie hier immer ein."

Herr Frosch hat sich längst ganz abgewendet und reagiert überhaupt nicht darauf.
Es ist nur ein hörbares Schnaufen von ihm zu vernehmen.

Die Dame hinter der Theke scheint stark verunsichert zu sein und schaut mich endlich einmal an.

Ich sehe die Fragezeichen in ihrem Gesicht und auch ihre Hilflosigkeit, aber mittlerweile bin ich auch schon so genervt, dass es mir egal ist.
Ich will einfach nur diese blöden Stecker und nicht als minderbemittelte Figur im Rollstuhl behandelt werden.

Ich zeige auf das letzte Paar und sage der Verkäuferin, dass ich diese bitte haben möchte.

Sie bleibt wie angewurzelt stehen und macht.... nix!

Ich schaue sie an und wiederhole meine Bitte.

Erst als Herr Frosch sich wieder zu mir dreht, kommt die Frau hinter ihrer Theke vor.

"Welche sollen es denn sein?", fragt sie Herrn Frosch.

Ich wiederhole es also nochmal und zeige direkt auf den silbernen Stecker.

Die Dame schaut Herrn Frosch fragend an und scheint auf seine Bestätigung zu warten.

Uuuuund was tut Herr Frosch..... - NIX!

Schon der Verzweiflung nahe, teile ich ihr - wieder mit einem deutlichen Fingerzeig - nochmals mit, um welche Stecker es sich handelt.

Die Verkäuferin fasst sich nach einem weiteren zörgerlichen Moment endlich ein Herz und kramt diese von mir ausgewählten Stecker hervor, die natürlich aus hygienischen Gründen in einer Box eingeschweißt sind.

Sie hält die kleine Box krampfhaft fest und wendet sie sich ein letztes Mal an Herrn Frosch:  "Man braucht dafür Ohrlöcher. Wir setzen die Stecker normalerweise in die Apparatur und "schießen" die Stecker ein."

Ich bekomme langsam aber sicher Schnappatmung und wiederhole so deutlich wie ich nur kann: "Danke, aber ich habe Ohrlöcher. Ich möchte nur die Stecker."

Für einen Moment schaut sie mich wieder kurz an und ihre linke Hand macht einen erneuten Versuch, mir die Haare vor den Ohren zur Seite zu schieben.

Ich mache natürlich eine ausweichende Kopfbewegung, was sie veranlasst, ihre Hand zurück zu ziehen, als hätte sie eine gewischt bekommen.

"Ich möchte nur diese Stecker - bitte!"

Ich weiß nicht weiter und blicke Herrn Frosch an. Er greift ein und schiebt der Verkäuferin das Geld über die Theke, nimmt ihr die Box mit den Steckern aus der Hand und beendet somit dieses dumme Possenspiel.

Mein Leben - keep calm and carry on!


Anmerkung:
Ich habe dieses Mal bewusst darauf verzichtet, es mit einem Augenzwinkern zu schreiben.
Es ist ein Paradebeispiel für zig andere Begebenheiten in meinem Rollstuhlleben.
Dass Herr Frosch mich begleitet, heißt aber nicht, dass er mein Sprachrohr ist, er sich auch nicht als solches sieht und sich deshalb bei gerade solchen "skurrilen" Situationen heraushält.
Vor allem kann er es überhaupt nicht ausstehen, wenn fremde Leute mich dermaßen ignorieren und mich für unfähig halten, eigene Entscheidungen treffen zu können.

****

PS: Mein Geburtstags-Post folgt - versprochen! Bin jetzt halt nicht mehr die Schnellste... *laut.lach*



Text copyright by v-vabelhaft.blogspot.com

Kommentare:

  1. Wenn ich deine Posts lese, frage ich mich, in welchem Jahrhundert, und in welcher Bananenrepublik denn sowas möglich wäre....
    Ich weiss, ich bin hilflos und weiss manchmal auch nicht recht, was ich tun soll. Aber ich habe einen Mund, und funktionierend Augen. Also frage ich, ob und was ich tun soll. Manchmal Nudeln aus dem obersten Regal herunterfischen. Oder etwas in Bodenhöhe aufheben....
    Bei meinen Patienten frage ich auch direkt, ob und wie sie mit den Händen Zugänge sind.
    Rollstuhl heisst ja nicht denkunfähig...... Auch wenn mein Kind das wahrscheinlich auch gewesen wäre....
    Herzlichst
    yase

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  2. Liebe Fr. Vabelhaft,
    nachdem ich deinen Post gelesen habe, war ich erst einmal sprachlos. Gibt´s sowas?!...kann ich einfach nicht verstehen ...echt nicht! Es mag bei mir vielleicht daran liegen, dass uns unsere Eltern und Großeltern sehr frei und unbeschwert in punkto "Umgang mit einer Behinderung" erzogen haben! Nicht, dass ich mich da hervorheben will, aber ich finde es ist da einfach Erziehung und Aufklärung nötig! Du sitzt ja "nur" im Rollstuhl!
    Dir von Herzen alles, alles Liebe!
    Karen

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  3. Meine Güte, wie verpeilt kann man eigentlich sein? Ein Konstrukt von selbstgemachten Gedanken zum Thema und dazu Vorurteile noch und nöcher, und da nicht mehr rauskönnen.... furchtbar. Aber sei nicht traurig, denen mit anderer Hautfarbe und denen mit Hosengröße über 44 geht es manchmal ähnlich. Ich weiß noch, wie es war, als ich dicker war. Das manche, zumeist Frauen, nicht dachten, sie müssten mir alles buchstabieren, damit ich es verstehe, war alles. So unglaublich traurig, aber auch manchmal lustig :)
    Ich wünsche dir alles Liebe
    Gabi

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  4. Ich bin ehrlich fassungslos.
    Ich habe jetzt schon ein paar Mal angefangen zu schreiben, aber ich muss immer wieder von vorne anfangen, weil mir echt die Worte fehlen. Ich wünsche mir, dass Dein Blog noch weite Kreise zieht, weil ich glaube, dass vielen Menschen gar nicht bewusst ist, wie verletzend ihr Verhalten ist.
    Ganz ganz liebe Grüsse zu Dir
    Susanne

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  5. Ne,das es sowas noch gibt ...in unserer aufgeklärten und ach so toleranten Welt.Dazu fällt mir nichts mehr ein. Aber alle sind nicht so verpeilt, bestimmt nicht.
    Lasse dich nicht ärgern, einen schönen Sonntag und
    dekofreudige Grüße von Andrea

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  6. Nee nä? Da fällt mir jetzt gerade nichts zu ein.....
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag.
    Liebste Grüße
    Birthe

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  7. OMG - was gibt es nur für unglaublich dumme Leute.
    Bist du nach solchen Begegnungen nicht froh, nicht so minderbemittelt im Oberstübchen zu sein wie die Verkäuferin? Das hat auch nichts mehr mit Unsicherheit zu tun. Das ist einfach nur strunz-blöd. Ich weiß es ist schwer, aber im Grunde lohnt es sich gar nicht sich darüber aufzuregen. Ich hätte sie wahrscheinlich angesehen und dann ganz langsam gefragt
    S-i-n-d--s-i-e--d-u-m-m? Das du dich da so zurückhalten kannst... bemerkenswert!

    Liebe Grüße aus Berlin
    Doreen

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  8. Nein, das kommt auch keinesfalls mit Augenzwinkern rüber. Im Gegenteil, man wird (selbst) beim Lesen immer wütender. Solch ein Verhalten macht mich wirklich ratlos. Aber vielleicht muss man deren Verhalten direkt ansprechen, fragen, ob das ein Laden ist in dem Menschen mit Rollstuhl nicht bedient werden. Oder Herr Frosch muss deutlich sagen, dass ER hier nichts kaufen möchte. Das ist bestimmt supernervig, aber vielleicht merkt sie dann wenigstens WIE sie sich verhält. Sonst ändert die ihr Verhalten ja nie und nimmer!
    Ich wünsche dir von Herzen keine/weniger solchen Situationen mehr!
    Liebe Grüße
    Jutta

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  9. Liebe Frau Vabelhaft,
    so etwas kann man auch weder mit einem Lächeln noch mit einem Augenzwinkern abtun. Für manche Menschen scheinen sich wohl anscheinend Rollstuhl und normal funktionierender Kopf gänzlich auszuschließen. Dabei kann man doch nicht voraussetzen, dass jeder Wheely Fahrer geistig gehandicapt ist und einen Betreuer im Schlepptau hat.
    Unfassbar!
    Ich bewundere Deine Stärke, das alles so zu ertragen.
    Sei lieb gedrückt.
    Vanessa

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  10. W*** t** f***???? Sorry für diesen Kraftausdruck, aber was anderes fällt mir bei dieser Unverfrohrenheit einfach nicht ein! Ich glaube, ich wäre ohne was zu kaufen verschwunden und hätte maximal gesagt, dass, wenn die Dame nichts an ihre Kunden verkaufen will, die was kaufen will, sie doch den Beruf verfehlt hat. *Kopf schüttel über so viel Blödheit*
    LG, Rike

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  11. Liebe Frau Vabelhaft,
    ich habe es bei dir jetzt ja schön häufiger gelesen, aber ich kann die Reaktionen dieser Leute einfach überhaupt nicht nachvollziehen. Dir wächst der Rollstuhl ja schließlich nicht aus dem Gehirn, was eventzuell den Schluss nahelegen könnte, dass du in deiner Entscheidungsfähigkeit eingeschränkt sein könntest, sondern du sitzt "einfach nur" drin. Glauben die denn auch, wenn man in einem SESSEL sitzt, dass man ein Denkproblem hat?

    Wie auch immer, ich glaube, sowohl Herr Frosch als auch du sollten ein bisserl "brutaler" vorgehen, sollte sich so eine Szene abermals wiederholen. Damit das endlich aufhört. Also nach dem folgenden Motto: Du sagst mit Bestimmtheit: "ICH bin die Kundin, sprechen Sie mit MIR." Und Herr Frosch sagt: "Sprechen Sie mit meiner Frau, SIE ist die Kundin." Wenn diese Botschaft nicht ankommt, dann geht ihr am besten - es gibt bestimmt auch andere Länden mit schönen Ohrsteckern. Meiner Meinung nach werdet ihr beide dann sehr bald etwas ausstrahlen, dass eine Reaktion wie die vorhin beschriebene nicht mehr entstehen lässt.

    Ich schick dir ganz herzliche rostrosige Grüße!
    Alles Liebe, Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2016/06/kurzurlaubs-und-bloggertreff-bericht.html

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  12. Auch ich habe bei dir schon sehr häufig gelesen, aber mich nun endlich auch mal als Leserin eingetragen...:-) Es ist sehr traurig, dass du immer noch mit solchen Vorurteilen kämpfen musst, gerade, wo es doch auch so viele Medien gibt, die darüber berichten. Aber sicher lesen und schauen das nur genau die Leute, die ohnehin schon Bescheid wissen. Gerade läuft ja der Film 'Ein ganzes halbes Jahr' in den Kinos nach einem Bestsellererfolg des Buches.
    Ich finde es super, dass dein Mann so cool bleibt und nicht auf die Verkäuferin eingegangen ist. Solltest du vielleicht selbstbewusst sagen....ich kann gut für mich selber entscheiden? Aber sicher ist das nicht so einfach, wie man es aufschreibt. Das ist mir schon klar. Ach...jetzt sehe ich gerade, dass Traude das selbe meint.....
    Alles Gute für dich...auch wenn es mich oft traurig macht, hier zu lesen, werde ich es trotzdem beibehalten,
    LG Sigrun

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  13. Liebe Frau Vabelhaft,
    wenn man selbst nicht in einer solchen Situation ist kann man kaum vorstellen das sich sowas in jetziger Zeit so abspielt. Anderseits es gibt nichts was es nicht gibt. Ich wüsste nicht was ich laut von mir geben würde wenn ich an deiner Stelle wär.

    Alles Liebe und Gute.
    Julia

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  14. Ich hab mich eben am Ende des Textes dabei erwischt,
    dass mein Mund offen stand - bin ja sprachlos!
    Was gibt es für Leute!!
    Liebe Grüße von der Urte

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  15. Hallöle liebe Frau Vabelhaft! Ich bin per Zufall auf deinem Blog gelandet und dieser Beitrag ist der erste, den ich von vorne bis hinten gelesen habe. Bin selber Rollstuhlfahrerin aber hatte noch keine Begegnung dieser Sorte.

    Ich schau jetzt bei dir mal öfter vorbei.

    Ich schreib selbst auch seit kurzem an meinem Blog.

    Liebe Grüße,
    Dani

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Danke, dass du dir Zeit für einen Besuch bei mir genommen hast.